Transport-Management-Systeme sind in der Logistik oft unverzichtbar. Sie steuern Aufträge, Touren, Disposition, Fahrerkommunikation, Frachtpapiere, Statusmeldungen, Rechnungen und Schnittstellen.
Standardlösungen wie CarLo, SAP Transportation Management, Transporeon oder andere TMS-Plattformen sind leistungsfähig. Für große, internationale und multimodale Logistikprozesse sind sie oft die richtige Wahl.
Für regionale oder nationale Speditionen mit klaren Prozessen kann eine eigene TMS-Lösung aber wirtschaftlich interessanter werden. Besonders dann, wenn Standardsoftware viele Funktionen mitbringt, die im Alltag kaum genutzt werden, während wichtige eigene Abläufe nur über Workarounds funktionieren.
Was Speditionssoftware wirklich kostet
Der TMS-Markt ist wenig transparent. Viele Anbieter nennen Preise nur auf Anfrage, weil Kosten stark von Fuhrparkgröße, Modulen, Nutzern, Transportarten, Schnittstellen, Telematik, EDI, Support und Implementierung abhängen.
Cloud-TMS für kleinere und mittlere Speditionen
Cloud-TMS-Lösungen werden häufig nach Fahrzeugen, Nutzern, Transportvolumen oder Modulen abgerechnet. Bei mehreren Fahrzeugen und Disponenten können schnell fünfstellige Jahreskosten entstehen.
CarLo / Soloplan
CarLo ist eine etablierte Transportsoftware für Order Management, Transportplanung, Disposition, Kalkulation und Abrechnung. Preise werden individuell kalkuliert. Für mittelständische Speditionen hängen die Kosten stark von Modulen, Anzahl der Nutzer, Fahrzeugen, Schnittstellen und Implementierung ab.
SAP Transportation Management
SAP TM ist eine Enterprise-Lösung für komplexe Transportprozesse. Preise und Projektkosten hängen stark vom SAP-Setup, Betriebsmodell, Nutzungsumfang und Implementierungspartner ab. Neben Lizenz- oder Cloudkosten fallen meist erhebliche Implementierungs- und Beratungskosten an.
Transporeon
Transporeon ist vor allem bei Verladern, Frachtvergaben, Carrier-Anbindung und Plattformprozessen stark. Auch hier hängen Kosten und Nutzen stark vom konkreten Transportvolumen und Use Case ab.
Typische Kostentreiber bei TMS-Projekten
Die Softwarelizenz ist nur ein Teil der Gesamtkosten. Relevant sind außerdem:
- Implementierung
- Datenmigration
- Schulung
- Schnittstellen zu ERP oder Warenwirtschaft
- EDI-Anbindungen
- Telematik-Anbindungen
- Fahrer-App
- mobile Geräte
- Frachtbrief- und Dokumentenlogik
- Abrechnung
- DATEV-Export
- Tourenoptimierung
- Support
- Anpassungen
- Beraterkosten
Gerade Schnittstellen und Prozessanpassungen treiben TMS-Projekte oft deutlich nach oben.
Rechenbeispiel: Standard-TMS vs. Individualapp
Ausgangssituation:
Regionale Spedition mit 25 Lkw, 8 Disponenten und 2 Bürokräften.
Kernprozesse:
- Auftragserfassung
- Tourenplanung
- Disposition
- Fahrerkommunikation per App
- Statusmeldungen
- digitale Unterschriften
- Frachtbriefe / CMR
- Rechnungsstellung
- DATEV-Export
- Telematik-Anbindung
Kostenposition | Standard-TMS über 5 Jahre | Individualapp über 5 Jahre |
|---|---|---|
Lizenz / Abo | ca. 120.000–300.000 € | entfällt |
Entwicklung | entfällt | ca. 70.000 € |
Implementierung | ca. 20.000–50.000 € | ca. 8.000 € |
Wartung / Betrieb | im Abo enthalten | ca. 55.000 € |
Telematik-Anbindung | ca. 15.000–25.000 € | im Entwicklungsumfang |
Anpassungen & Module | ca. 25.000–40.000 € | teilweise im Wartungsvertrag |
Gesamt über 5 Jahre | ca. 180.000–415.000 € | ca. 133.000 € |
Diese Rechnung zeigt: Bei einer Spedition mit klaren regionalen oder nationalen Prozessen kann eine Individualapp über fünf Jahre deutlich günstiger sein als ein umfangreiches Standard-TMS.
Wichtig ist aber: Das gilt nicht pauschal für jede Spedition. Je komplexer Transportarten, Netzwerke, Zoll, Compliance, Frachtenbörsen oder internationale Prozesse sind, desto eher lohnt sich ein Standard-TMS.
Was Speditionen wirklich nutzen
Viele TMS-Systeme können sehr viel: multimodale Planung, Seefracht, Luftfracht, internationale Compliance, Frachtenbörsen, CO₂-Reporting, Slot Booking, Yard Management, Netzwerklogik, KI-Tourenoptimierung und komplexe Frachtkostenabrechnung.
Viele regionale Speditionen nutzen im Alltag aber vor allem diese Kernfunktionen:
- Auftragserfassung
- Disposition
- Tourenplanung
- Fahrerkommunikation
- Statusmeldungen
- Frachtpapiere
- Rechnungsstellung
- DATEV-Export
- einfache Auswertungen
- Telematik-Status
Wenn genau diese Prozesse sauber definiert sind, kann eine individuelle Lösung deutlich schlanker und besser bedienbar sein.
Was eine individuelle TMS-App leisten kann
Eine eigene TMS-App sollte kein SAP TM nachbauen. Sie sollte die tatsächlichen Abläufe der Spedition abbilden.
Typische Funktionen:
- Auftragserfassung
- Kunden- und Empfängerdaten
- Tourenplanung
- Dispositionsboard
- Fahrzeug- und Fahrerübersicht
- mobile Fahrer-App
- Statusmeldungen
- digitale Unterschrift
- Foto-Upload für Abliefernachweise
- CMR- und Frachtbrief-Erstellung
- Rechnungsstellung
- DATEV-Export
- Telematik-Anbindung
- Karten- oder Routenansicht
- Benachrichtigungen
- Rollen- und Rechtekonzept
- Auswertungen nach Kunde, Tour, Fahrzeug oder Umsatz
Der Vorteil liegt in der Passgenauigkeit: Disponenten sehen genau die Informationen, die sie brauchen – ohne Enterprise-Overhead.
Fahrer-App als zentraler Hebel
Eine mobile Fahrer-App ist oft der größte Effizienzgewinn.
Sie kann abbilden:
- Tourenübersicht
- Stopps und Reihenfolge
- Status je Auftrag
- Navigation
- digitale Unterschrift
- Foto-Upload
- Schaden- oder Abweichungsmeldung
- Chat oder Rückfragen
- Dokumentenanzeige
- Offline-Funktion für schlechten Empfang
Dadurch sinkt der manuelle Kommunikationsaufwand zwischen Fahrern, Disposition und Büro deutlich.
Telematik und Schnittstellen
Viele Speditionen nutzen bereits Telematiksysteme wie Webfleet, TomTom, Fleetboard oder andere Anbieter.
Eine individuelle TMS-Lösung kann bestehende Systeme anbinden, sofern APIs oder Exportmöglichkeiten verfügbar sind. WEBFLEET bietet zum Beispiel eine API für die Anbindung an ERP-, TMS-, Routing- und Scheduling-Systeme.
Wichtig: Nicht jede Telematik kann gleich tief integriert werden. Vor Projektstart muss geprüft werden, welche Daten verfügbar sind: Position, Fahrzeugstatus, Fahrer, Tour, ETA, Kilometer, Zeiten oder Ereignisse.
EDI und Großkunden
Viele Speditionen arbeiten mit Großkunden, die EDI-Prozesse erwarten.
Eine Individualapp kann EDI-Anbindungen technisch umsetzen, zum Beispiel über:
- EDIFACT
- XML
- CSV
- API
- kundenspezifische Datenformate
Aber: EDI ist selten „einmal bauen, fertig“. Jeder Großkunde kann eigene Pflichtfelder, Nachrichtenformate, Statuscodes und Testprozesse haben. Deshalb sollten EDI-Anbindungen als eigene Projektbausteine kalkuliert werden.
Wann sich ein eigenes TMS lohnt
Eine Individualentwicklung kann sinnvoll sein, wenn mehrere dieser Punkte zutreffen:
- 10 bis 100 Fahrzeuge
- regionale oder nationale Transporte
- klare, wiederkehrende Prozesse
- hohe Lizenz- oder Modulkosten
- aktuelle Software passt nur teilweise zur Disposition
- Fahrerkommunikation läuft noch per Telefon, WhatsApp oder Papier
- bestehende Telematik soll integriert werden
- Rechnungsstellung und DATEV-Export sollen automatisiert werden
- Schnittstellen zu ERP oder Kunden sind wichtig
- Standardsoftware erzeugt viele Workarounds
Wann Standard-TMS besser bleibt
Ein Standard-TMS ist meist sinnvoller, wenn:
- internationale Transporte mit komplexer Zollabwicklung dominieren
- Seefracht, Luftfracht oder multimodale Prozesse zentral sind
- Systemlogistik-Netzwerke verbindliche EDI-Standards vorgeben
- Frachtenbörsen oder Carrier-Plattformen tief integriert sein müssen
- SAP- oder Oracle-ERP bereits zentral im Unternehmen genutzt wird
- sehr komplexe Frachtkostenlogik benötigt wird
- Softwarekosten unter ca. 10.000 € pro Jahr liegen
- schnelle Einführung wichtiger ist als Individualität
Eine Eigenentwicklung sollte nicht aus Frust entstehen, sondern aus einer klaren Prozess- und Kostenrechnung.
TMS komplett ersetzen oder ergänzen?
Nicht immer ist ein kompletter Ersatz der richtige erste Schritt.
Ein hybrider Ansatz kann sinnvoll sein:
- Bestehendes TMS bleibt für zentrale Prozesse bestehen.
- Eine eigene App ergänzt Fahrerkommunikation, digitale Abliefernachweise, Reporting oder Kundenportal.
- Daten werden über Schnittstellen synchronisiert.
- Erst später wird entschieden, ob ein vollständiger Ersatz sinnvoll ist.
Dieser Ansatz reduziert Risiko, Projektkosten und Einführungsaufwand.
Rechtliche und operative Themen
Ein TMS verarbeitet operative und teilweise personenbezogene Daten. Deshalb müssen folgende Punkte berücksichtigt werden:
DSGVO
Fahrer-, Kunden-, Empfänger- und Standortdaten müssen mit sauberem Rollen- und Rechtekonzept, Löschfristen und Protokollierung verarbeitet werden.
CMR und Frachtpapiere
Frachtbriefe, Abliefernachweise und digitale Unterschriften müssen fachlich korrekt umgesetzt und prüfbar gespeichert werden.
Arbeitszeiten und Lenkzeiten
Wenn Zeiten verarbeitet oder ausgewertet werden, müssen arbeitsrechtliche und logistische Anforderungen sauber abgegrenzt werden. Eine TMS-App sollte nicht ungeprüft als Tachographen- oder Lenkzeit-System verstanden werden.
Abrechnung
Frachtkosten, Zuschläge, Wartezeiten, Maut, Dieselzuschläge und Sonderleistungen müssen sauber modelliert werden, wenn die App Rechnungen erzeugen soll.
Fazit
Für große internationale Logistikprozesse ist Standardsoftware oft die richtige Wahl. SAP TM, CarLo, Transporeon und andere TMS-Plattformen bieten umfangreiche Funktionen, die in komplexen Netzwerken wichtig sind.
Für regionale und nationale Speditionen mit klar definierten Prozessen kann eine individuelle TMS-App dagegen wirtschaftlich und organisatorisch sinnvoll sein. Besonders Fahrer-App, Dispositionsboard, Telematik-Anbindung, Frachtpapiere, Rechnungsstellung und DATEV-Export lassen sich schlank und passgenau entwickeln.
Die beste Entscheidung entsteht durch eine TCO-Rechnung über fünf Jahre: Lizenzen, Module, Implementierung, Schnittstellen, Beraterkosten, Wartung, Schulung, Fahrerkommunikation und Prozesskosten.